War­um ein Brust­ge­schirr für Hun­de? Und wofür die Zwei­punkt­füh­rung?

Mai 1, 2019

Im Stra­ßen­bild fällt ein Hund, der am Hals­band zerrt, nicht groß­ar­tig auf. Höchs­tens unan­ge­nehm. Wir sind an die­ses Bild gewöhnt. Vor etwa zwei Genera­tio­nen gab es noch Brust­ge­schir­re für Kin­der, auch das war recht nor­mal. Ein ange­schirr­tes Kind wür­de doch heu­te sehr auf­fal­len, aber stel­len Sie sich vor, jemand führ­te sein Kind am Hals­band aus. Die Welt wür­de auf­schrei­en, weil man, anders als bei Hun­den, die Unmög­lich­keit des Hals­ban­des plötz­lich wahr­näh­me.

Hier ist der kor­rek­te Ver­lauf eines Kör­per­seils als wei­ße Linie hin­zu­ge­fügt. FOTO: ANJA GÖRTZEB

Am Kör­per ange­setzt für Balan­ce

Lin­da Tel­­lin­g­­ton-Jones unter­rich­tet eine sehr erfolg­rei­che Tech­nik zur Gewöh­nung von Foh­len an das Half­ter und das Füh­ren. Half­tert man ein untrai­nier­tes Foh­len auf und ver­sucht es zu hal­ten bzw. zu füh­ren, so kommt es unwei­ger­lich zu einem Zieh­kampf. Anders, wenn das Foh­len nach der Tel­ling­ton Metho­de trai­niert wird: Dabei benützt man ein Seil, wel­ches in Form einer 8 um den Kör­per des Foh­lens gelegt und im Bereich des Wider­rists ange­fasst wird, um das Tem­po und die Bewe­gungs­rich­tung des Pfer­de­kin­des zu regu­lie­ren. Das Half­ter kommt spä­ter dazu, und das Foh­len lernt den mit­tels Kör­per­seil aus­ge­üb­ten Ein­fluss, wel­cher spon­tan ver­stan­den wird, auf die Signa­le am Half­ter zu über­tra­gen und wird so ohne Kämp­fe half­t­er­füh­rig.

Ein Hund in einem TTouch Geschirr mit einer Har­­mo­­nie- oder Schlau­fen­lei­ne, ein wei­te­res Werk­zeug aus der Tel­ling­ton TTouch Metho­de, erin­nert mich an die­se Tech­nik.

Hun­de, die kei­ne Lei­nen­füh­rig­keit gelernt haben, reagie­ren auf Kon­takt mit einer Lei­ne am Hals­band ähn­lich wie die Foh­len: Sie zie­hen. Meist haben sie weni­ger Kraft als ein Foh­len, und kön­nen gehal­ten wer­den, aber das Zie­hen hört trotz­dem nicht auf. Der Oppo­si­ti­ons­re­flex bleibt.

Die Wahl der Aus­rüs­tungs­ge­gen­stän­de

Es ist nicht nur der Aus­rüs­tungs­ge­gen­stand ent­schei­dend, son­dern das, was jemand damit macht. Aber es gibt trotz­dem grund­sätz­li­che Unter­schie­de zwi­schen den hun­der­ten von unter­schied­li­chen Aus­rüs­tungs­ge­gen­stän­den, die man im Fress­s­napf und über Inter­net kau­fen kann, um Hun­de aus­zu­füh­ren, dar­un­ter vie­le, die nicht emp­feh­lens­wert sind. Miss­bräuch­lich ein­ge­setz­te Kopf­half­ter („Hal­tis”) kön­nen Hals und Nacken ver­let­zen, zu tief sit­zen­de Geschir­re kön­nen die Schul­tern ernst­haft irri­tie­ren, aber bei­des ist nicht extra dafür gedacht, Schmer­zen aus­zu­lö­sen, anders als Zug­hals­bän­der, Retrie­­ver- oder Moxon­lei­nen ohne Stopp, Illu­si­on Col­lar, Sta­chel­hals­bän­der, oder Elek­tri­sche oder Sprüh-Hal­s­­bän­­der. All das ver­spricht Erzie­hungs­er­fol­ge durch das Aus­lö­sen von Schmerz, Schreck oder Unbe­ha­gen, was dann viel­fach noch als art­ge­recht ange­prie­sen wird, womit wir wie­der beim lei­di­gen alten Domi­­nanz-Argu­­ment sind.

In der Tel­ling­ton Metho­de wol­len wir die Tie­re aber unter­stüt­zen, erfolg­reich und selbst­be­wusst machen. Da wären sol­che Werk­zeu­ge kon­tra­pro­duk­tiv. Die Wahl eines guten Brust­ge­schirrs ist der ers­te Schritt für Lei­nen­füh­rig­keit, näm­lich ein Geschirr, das den Hund nicht ein­engt, und das min­des­tens jeweils einen Ring an Vor­der­brust und Rücken hat. Hier ist die­se Ähn­lich­keit mit dem Kör­per­seil, das Lin­da Tel­­lin­g­­ton-Jones emp­fiehlt, um ein Foh­len half­t­er­füh­rig zu machen. Es setzt am Kör­per an, statt am Kopf.

Aber wie und war­um wirkt das genau?

Das TTouch Geschirr hat einen Ring zur Lei­nen­be­fes­ti­gung an der Vor­der­brust ; FOTO: ANNALENA KUHN

Ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns noch­mals den Zug am Hals

Zug bzw. Druck am Hals des Hun­des, der kei­ne Lei­nen­füh­rig­keit gelernt hat, beängs­tigt und ver­un­si­chert, löst den Oppo­si­ti­ons­re­flex aus und ver­än­dert das Gleich­ge­wicht des Hun­des. Der Oppo­si­ti­ons­re­flex schickt den Hund in den Lei­nen­zug und in der Fol­ge sucht er qua­si den Gegen­druck der hal­ten­den Hand, um sich aus­zu­ba­lan­cie­ren. Der Druck am Hals behin­dert die Atmung, ver­rin­gert den Sauer­stoff­ge­halt im Gehirn, ver­stärkt Unsi­cher­heit und Reak­ti­vi­tät, und beein­träch­tigt die Lern­fä­hig­keit, ganz zu schwei­gen von der Gefahr, durch den star­ken Zug am Hals­band Hals und Wir­bel­säu­le und die Weich­tei­le im Kehl­be­reich zu ver­let­zen. Der ers­te Schritt zu guter Lei­nen­füh­rig­keit ist also, jeg­li­chen Druck am Hals zu ver­mei­den.

Zwei­punkt­füh­rung

Das Geh­tem­po eines Hun­des ist höher als jenes des Men­schen, allei­ne des­halb gerät die Lei­ne immer wie­der in Span­nung, solan­ge der Hund nicht gelernt hat, an loser Lei­ne zu gehen. Befes­tigt man die Lei­ne an einem ein­zel­nen Befes­ti­gungs­ring, so wird der Hund, sobald sich die Lei­ne spannt, infol­ge des Oppo­­si­­ti­ons-Refle­­xes dar­an zie­hen wie ein Fisch an einer Angel, egal ob die Lei­ne im Hals­band oder am Rücken eines Geschir­res ein­ge­hakt ist. Lei­nen­be­fes­ti­gung an nur der einen Stel­le des Geschirrs im Rücken begüns­tigt also die Ten­denz zum Lei­nen­zie­hen.
Ein gutes Geschirr hat hin­ge­gen zwei Kon­takt­punk­te: einen an der Vor­der­brust, einen am Rücken. An bei­den wird die Lei­ne, wel­che an jedem Ende einen Haken hat, befes­tigt. Spannt sich nun eines der Lei­ne­nen­den, so kann man dem Druck begeg­nen und ihn „weg­schmel­zen”, wäh­rend man die ande­re Ver­bin­dung auf­nimmt. Wech­selt man zwi­schen die­sen bei­den Kon­takt­punk­ten ab, so hat der Hund nichts, wor­an er zie­hen kann und der Oppo­si­ti­ons­re­flex tritt nicht auf.

Das Brust­ge­schirr orga­ni­siert den Hund an des Men­schen Sei­te

Läuft ein Hund vor dem Men­schen, so blen­det er die­sen eher aus und hat eine wesent­lich gerin­ge­re Mög­lich­keit mit sei­nem Men­schen zu koope­rie­ren. Der idea­le Platz eines Hun­des, für das Mit­ein­an­der und das Gehen an loser Lei­ne, ist an dei­ner Sei­te. Befes­tigt man die Lei­ne nur am Rücken eines Geschirrs, so lan­det man unwei­ger­lich hin­ter dem Hund, einer „idea­len Posi­ti­on”, um Lei­nen­zie­hen zu pro­vo­zie­ren. Hakt man jedoch das ande­re Ende der Lei­ne in einen Ring an der Vor­der­brust, so posi­tio­niert das den Hund von selbst in sei­ner Schul­ter­hö­he an des Men­schen Bein, einer wesent­lich ange­neh­me­ren und ziel­füh­ren­de­ren Posi­ti­on zum gemein­sa­men Gehen, die nicht per se Lei­nen­zug aus­löst.
Hat der Hund das Gehen an locke­rer Lei­ne ein­mal gelernt, kann er das auch umset­zen, wenn er vor dem Men­schen geht. Dann spricht nichts gegen einen gemüt­li­chen Spa­zier­gang an einer län­ge­ren Lei­ne, auch an einem Kon­takt­punkt und wech­seln­der Posi­ti­on. Falls nötig, hat man immer noch die Balan­ce­­lei­­ne- die ihre Wir­kung eben­falls dem Anset­zen am Kör­per ver­dankt. Und den Hund an unse­re Sei­te orga­ni­siert.

Foto Anna­le­na Kuhn
Gehen Hund und Mensch neben­ein­an­der,
kann sich der Hund gut an sei­nem Men­schen ori­en­tie­ren.

Brust­ge­schir­re sind kom­for­ta­bler

Geschir­re müs­sen pas­sen und sinn­voll gefer­tigt sein. Sie ver­tei­len dann den Druck auf mehr Kör­per­flä­che und auf die weni­ger emp­find­li­chen Kör­per­stel­len an Brust und den Sei­ten – im Gegen­satz zu Hals­band und Kopf­half­ter, die Druck auf den Hals oder Kopf brin­gen. Des­halb ist ein gut sit­zen­des Brust­ge­schirr ange­neh­mer für den Hund. Ist die Lei­ne nun an zwei Kon­takt­punk­ten am Geschirr ein­ge­hakt, ver­hin­dert man unan­ge­neh­men Druck am Hun­de­kör­per. Der Hund kann sich ent­span­nen und hat infol­ge­des­sen auch weni­ger Ten­denz zu zie­hen. Aber beach­te: Geschir­re, die sich fest­zie­hen, sobald die Lei­ne gespannt ist, also ein unan­ge­neh­mes Gefühl beim Lei­ne­zie­hen erzeu­gen, haben eine ande­re Wir­kung. Sie schmer­zen oder stö­ren den Hund und sind nicht emp­feh­lens­wert.

Signal­ge­bung und Kom­mu­ni­ka­ti­on

Die kör­per­li­che Balan­ce sowie das Ver­hal­ten eines Hun­des kann über zwei Kon­takt­punk­te bes­ser beein­flusst wer­den. Man kann ihm bes­ser kom­mu­ni­zie­ren, was man von ihm erwar­tet. Die Ver­bin­dung zum Rücken kann man als „Brem­se”, die Ver­bin­dung an der Vor­der­brust vor­wie­gend als „Len­kung” betrach­ten. Will man den Hund lang­sa­mer machen, so hebt man die Lei­ne sanft an (bes­ser als ein rück­wärts wir­ken­der Zug), was sein Tem­po ver­lang­samt, ohne den Oppo­si­ti­ons­re­flex wach­zu­ru­fen. Die Bewe­gungs­rich­tung kann über den vor­de­ren Ring sehr klar kom­mu­ni­ziert wer­den. So kann die Lei­ne sanft und freund­lich genutzt wer­den, zur Unter­stüt­zung der ver­ba­len Hör­zei­chen, als Signal oder Hil­fe, aber nicht als Kor­rek­tur.

Die Hand­ha­bung der Lei­nen und die Qua­li­tät der Signa­le sind ein geson­der­tes The­ma über das in einem der fol­gen­den Bei­trä­ge gespro­chen wird.

Das Geschirr bringt den Hund in bes­se­re Balan­ce

Für das Gehen an locke­rer Lei­ne muss der Hund in sei­nem Gleich­ge­wicht sein, statt sich in die Lei­ne zu hän­gen. Wie gesagt, ein ein­zel­ner Kon­takt­punkt macht das schwie­rig, bringt ihn (und sei­nen Men­schen mit des­sen Oppo­si­ti­ons­re­flex) aus der Balan­ce. Eine Zwei­­punkt-Füh­­rung bringt hin­ge­gen den kör­per­li­chen Schwer­punkt des Hun­des nach hin­ten, und den Hund somit in Balan­ce. Ein Hund mit guter kör­per­li­cher Balan­ce ist auch emo­tio­nal in bes­se­rem Gleich­ge­wicht und wird in der Fol­ge bes­ser ler­nen kön­nen.

Foto Leo­nie Hoch­rein
Mir­jam Nash (Tel­ling­ton Pac­ti­tio­ner in Mün­chen) in schö­ner Zwei­punkt­füh­rung.

Das Ding mit der Har­­mo­­nie- oder Schlau­­fen-Lei­­ne

Vie­le Jah­re haben die Prac­ti­tio­ner und Kursteilnehmer*innen der Tel­ling­ton Metho­de müh­sam und sorg­fäl­tig geübt mit den bei­den Lei­ne­nen­de zu arbei­ten, ihre bei­den Hän­de unab­hän­gig von ein­an­der zu „bedie­nen”. Nun, da wir es end­lich kön­nen, gibt es die wun­der­ba­re Schlau­fen­lei­ne, die Lei­ne, wel­che mit ihren bei­den Ende an den bei­den Rin­gen des Brust­ge­schirrs ein­ge­hankt wird. Dazwi­schen läuft ein gro­ßer Ring frei über die Lei­ne, an dem (güns­tigs­ten­falls mit einem Wir­bel) eine Schlau­fe befes­tigt ist für den Men­schen Hand. Die­se „Kom­po­si­ti­on” macht es leicht. Dadurch, dass der Ring frei über die Lei­ne glei­tet, ent­steht weni­ger Wider­stand. Es wird ver­hin­dert, dass der Mensch unab­sicht­lich den Oppo­si­ti­ons­re­flex beim Hund aus­löst. Die Benüt­zung ist recht ein­fach und mit ein paar weni­gen Tech­­nik-Hin­­wei­­sen kann die­ses Werk­zeug tief­sit­zen­de Lei­­nen­­zieh-Gewohn­hei­­ten auf­bre­chen.

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