Hunde, Seil und Partner*in

Wie man alleine oder zu zwei Menschen den Zug an der Leine überwinden kann

Der Drang zum Widerstand

Alle die folgenden Seil”tricks”, Führpositionen und Techniken verfolgen ein Ziel: Das Vermeiden des Oppositionsreflexes, des Drangs von Hund wie Mensch, an seinem jeweiligen Ende der Leine zu ziehen. Sowohl bei uns Menschen als auch beim Hund geht es darum diese automatisch einsetzende Reaktion des Ziehens zu umgehen.

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Seit einigen Jahren arbeiten wir in der Tellington TTouch® Methode mit Seilen und Leinen, die nicht fix mit einem Hundegeschirr oder Halsband verbunden sind. Manches davon wird bei Pferden angewandt. Wie so oft kommt viel Ideengut von da, wurde aber in der Hundewelt deutlich weiter entwickelt. In der Folge beziehe ich mich ausschließlich auf die Arbeit mit Hunden:

Von der Wäscheleine zur Bienenleine

Foto: Leonie Hochrein

Die Bienenleine ist spielerisch entstanden: Zwei Teilnehmende einer Tellington-Ausbildung hatten versucht einen Tierheim-Welpen mit Leinenführigkeits-Themen einfach wie auf eine Wäscheleine „aufzufädeln”, am oberen Ring eines Brustgeschirrs. Zunächst war nicht so viel Fortschirtt zu sehen. Allerdings am nächsten Tag war die Rückmeldung des Tierheim-Personals recht begeistert. So begann man mit der Bienenleine zu experimentieren. Sie bewährte sich sofort bei Welpen zum Trainieren der Leinenführigleit, aber bald auch bei Hunden, die an der Leine zäh hinten bleiben, bei Hunden, die an der Leine ziehen, bei Hunden mit Angst vor Fremden, sowie bei Menschen, die zu sehr an der Leine „hängen”, ob sie nun ziehen, oder den Hund andauernd gängeln damit.

Es ist -zunächst- einfach: Man führt ein Seil von der Länge von 4-6m und einem Durchmesser von 5-10mm durch den oberen Ring des Geschirrs, oder besser noch: durch einen daran befestigten Ring eines Karabiners mit Wirbel. Der Wirbel hilft bei Richtungswechsel und falls sich der Hund drehen sollte. Man braucht je einen Menschen links und rechts des Hundes. Das Seil hat an den beiden Seilenden einen Knoten, so dass, falls einer loslässt, der Hund nicht frei wäre.

Beide Personen halten das Seil mit dem Knoten in der äußeren Hand, die innere Hand unterstützt das Seil, das in leichtem Durchhang vom Hund in die Hand läuft. Man lässt dem Hund viel Raum und richtet sich darauf ein, keine Kontrolle zu haben- und begnügt sich mit Einfluss. Die Arbeit mit der Bienenleine braucht eine spielerische Haltung.

Um loszugehen benützt man Worte oder körpersprachliche Hilfestellungen. Es ist hilfreich, auf den Weg zu schauen und nicht den Blick auf den Hund zu richten, was ihn einerseits belasten würde und andererseits auch keine Information hat. Beim Wunsch loszugehen hilft, das Gewicht langsam vom hinteren auf das vordere Bein zu verlagern und auf den Hund zu warten. Vorzugehen und den Hund ziehen zu wollen ist nicht der Sinn der Übung. Ein paar aufmunternde Worte können helfen, falls sich der Hund verhält.

Wählt der Hund, an seinem Menschen zu kleben, zeitweise sogar außen von diesem zu gehen, ist das ganz in Ordnung. Meist ist es eine Frage der Zeit, dann balanciert er sich in der Mitte aus. Um zu wenden, bleibt der innere Mensch etwas zurück, rotiert in die neue Bewegungsrichtung, und ZIEHT NICHT am Seil. Der Mensch außen kann das Seil mit der inneren Hand von unten unterstützt auf des Hundes Schulter zuführen, bis über dessen Mittellinie.

Dehnen, begegnen, vorwärts gehen und schmelzen

Um anzuhalten kann man verschiedene Techniken anwenden. In jedem Fall ist es notwendig, vorne am Hund zu sein, und falls man das nicht ist, möglichst geschickt dahin zu gelangen. Man kann das Seil in einer möglichst nicht geknickten Linie zwischen einem Menschen und dem Anderen sanft nach außen dehnen, dabei die Füße vorwärts bewegen, und mit einer Vierteldrehung des Körpers den Druck wieder wegschmelzen – während der Hund anhält. Das Dehnen zur Seite hilft den Menschen der Versuchung zu widerstehen, nach hinten zu ziehen, was den Hund nur aus der Balance und in den Zug bringen würde. Es ist und bleibt kontraproduktiv, nach hinten zu ziehen, weil der Oppositionsreflex den Hund genau dahin treibt, sich in die Leine zu hängen und seine Balance zu verlieren.

Die Tandem-Wendung

Einer der großen Vorteile eines Karabiners mit Wirbel ist, dass man, weil der Hund nach vorne stürmt, hoffnungslos hinter ihn geraten ist, einfach umdrehen und in die andere Richtun gehen kann. Dabei dreht sich jeder der beiden Partner einfach um seine eigene Achse, wechselt die Hände am Seil, eine*r spricht den Hund an und beide gehen in die neue Richtung, nun wieder vorne am Hund, weiter.

Gleiten und schreiten

Wenn auch die Bienenleite an und für sich keine fixe Verbindung zum Hund schafft, ist es dennoch hilfreich, am Seil zu gleiten mit den Händen, vor allem, wenn man mit einem starken Vorwärts-Drang zu tun hat. Eine Hand fasst unter der anderen am Seil vor und gleitet wieder zurück auf den eigenen Körper zu. Wiederum bleiben die Füße in Bewegung und ggfs. deutet man eine Vierteldrehung an, einmal, vielleicht ein zweites Mal, um dem Hund zu signalisieren, dass angehalten wird. Dann löst man den Kontakt weich, entspannt Seil und Schultern und steht mit Bewusstheit.

Der Schmetterling

Foto: Leonie Hochrein

Der Schmetterling ist ein bisschen anders und ein bisschen gleich. Das gleiche 4-6m lange Seil wird nun mit einem Ende zusätzlich durch den Ring an der Vorderbrust des Hundegeschirrs durchgeführt, beide Seilenden landen in den Händen einers der zwei Menschen und werden da zusammen geknotet. Das Seil verläuft nun kreisförmig von einem Menschen durch den oberen Ring in die Hände des anderen Menschen, durch den vorderen Ring wieder in die Hände des ersten Menschen, und bildet sozusagen zwei Schmetterlingsflügel für den Hund.

Auch hier bleibt das Prinzip des freien Gleitens des Seils durch die Ringe bestehen. (Seildicke und Ringgröße müssen diesbezüglch immer genug Spielraum geben) aber man hat durch die beiden Seile mehr Einfluss. Das Seil an der Vorderbrust kann auch helfen, wenn ein Hund sehr gewohnheitsmäßig seine Balance nach vorne wirft sobald er eine Leine an sich weiß. Der Schmetterling gibt dem Hund mehr Rahmen und ein bisschen Aufrichtung. Dennoch verwende ich ihn immer lieber als zweite Lektion, wenn die Hunde die größere Freiheit der Bienenleine erfahren haben.

Das Seil wird entweder mit zwei Händen angefasst oder man fügt auf jeder Seite eine Schlaufe ein, falls vorhanden und führt mit einer Hand. Die Schlaufe macht es uns leichter.

Das Gleiten und Schreiten bleibt Technik der Wahl, wenn ich den Hund verlangsamen oder anhalten möchte. Ich gleite am vorderen Seil. Die Vierteldrehung im Vorwärtsgehen bleibt gleich. Und die Körpersprache in der Wendung bleibt gleich: Der äußere Mensch geht vor, der innere Mensch bleibt hinten, rotiert und blickt in Bewegungsrichtung.

Die Handhabung des Seils in der Wendung bleibt ähnlich wie bei der Bienenleine, falls ich viel Seillänge habe: die äußere Hand fasst das Seil oder die Schlaufe an, die innere Hand gleitet unter die Seile (ohne sich drum zu schließen!) und bewegt sich auf die Schulter des Hundes zu, um die Wendung anzudeuten. Habe ich wenig Seillänge und eine Schlaufe, so führe ich die Schlaufe in der inneren Hand und führe die äußere Hand vor, um die Wendung anzuzeigen.

Der halbe Schmetterling

Genial ist die Führposition des halben Schmetterling, wenn ich mich alleine mit einem großen, stark ziehenden Hund im Lernparcours finde. Man kann sich den halben Schmetterling vorstellen, wie den Schmetterling, der nur noch einen Menschen hat. Ich ziehe die Seillänge, die der zweite Mensch in der Hand hätte, ganz auf meine Seite durch und damit legt sich das Seil weich an die äußere Schulter des Hundes. Nun habe ich eine ähnliche Wirkung wie zwischen einer Balanceleine, einer Libelle (siehe unten), einem Schmetterling und einer Zweipunktführung kombiniert mit dem Vorteil, dass ich viel Seillänge zur Verfügung habe, um dem Hund einerseits Raum zu geben, um andererseits in Wendungen mit Gleiten und Schreiten wieder an seine Seite zu kommen ohne in Zug zu geraten. Ein bisschen Geschick im Umgang mit langen Seilen und gutes Körperbewusstsein für die eigene Balance ist hilfreich.