Hun­de, Seil und Partner*in

Sep 22, 2019

Wie man allei­ne oder zu zwei Men­schen den Zug an der Lei­ne über­win­den kann

Der Drang zum Wider­stand

Alle die fol­gen­den Seil”tricks”, Führ­po­si­tio­nen und Tech­ni­ken ver­fol­gen ein Ziel: Das Ver­mei­den des Oppo­si­ti­ons­re­fle­xes, des Drangs von Hund wie Mensch, an sei­nem jewei­li­gen Ende der Lei­ne zu zie­hen. Sowohl bei uns Men­schen als auch beim Hund geht es dar­um die­se auto­ma­tisch ein­set­zen­de Reak­ti­on des Zie­hens zu umge­hen.

 

 

foto: pixabay

Seit eini­gen Jah­ren arbei­ten wir in der Tel­ling­ton TTouch® Metho­de mit Sei­len und Lei­nen, die nicht fix mit einem Hun­de­ge­schirr oder Hals­band ver­bun­den sind. Man­ches davon wird bei Pfer­den ange­wandt. Wie so oft kommt viel Ide­en­gut von da, wur­de aber in der Hun­de­welt deut­lich wei­ter ent­wi­ckelt. In der Fol­ge bezie­he ich mich aus­schließ­lich auf die Arbeit mit Hun­den:

Von der Wäsche­lei­ne zur Bie­nen­lei­ne

 

 

Foto: Leo­nie Hoch­rein

Die Bie­nen­lei­ne ist spie­le­risch ent­stan­den: Zwei Teil­neh­men­de einer Tel­­lin­g­­ton-Aus­­­bil­­dung hat­ten ver­sucht einen Tier­heim-Wel­­pen mit Lei­­nen­­füh­­ri­g­keits-The­­men ein­fach wie auf eine Wäsche­lei­ne „auf­zu­fä­deln”, am obe­ren Ring eines Brust­ge­schirrs. Zunächst war nicht so viel Fort­schirtt zu sehen. Aller­dings am nächs­ten Tag war die Rück­mel­dung des Tier­heim-Per­­so­­nals recht begeis­tert. So begann man mit der Bie­nen­lei­ne zu expe­ri­men­tie­ren. Sie bewähr­te sich sofort bei Wel­pen zum Trai­nie­ren der Lei­nen­füh­ri­gleit, aber bald auch bei Hun­den, die an der Lei­ne zäh hin­ten blei­ben, bei Hun­den, die an der Lei­ne zie­hen, bei Hun­den mit Angst vor Frem­den, sowie bei Men­schen, die zu sehr an der Lei­ne „hän­gen”, ob sie nun zie­hen, oder den Hund andau­ernd gän­geln damit.

Es ist ‑zunächst- ein­fach: Man führt ein Seil von der Län­ge von 4–6m und einem Durch­mes­ser von 5–10mm durch den obe­ren Ring des Geschirrs, oder bes­ser noch: durch einen dar­an befes­tig­ten Ring eines Kara­bi­ners mit Wir­bel. Der Wir­bel hilft bei Rich­tungs­wech­sel und falls sich der Hund dre­hen soll­te. Man braucht je einen Men­schen links und rechts des Hun­des. Das Seil hat an den bei­den Sei­len­den einen Kno­ten, so dass, falls einer los­lässt, der Hund nicht frei wäre.

Bei­de Per­so­nen hal­ten das Seil mit dem Kno­ten in der äuße­ren Hand, die inne­re Hand unter­stützt das Seil, das in leich­tem Durch­hang vom Hund in die Hand läuft. Man lässt dem Hund viel Raum und rich­tet sich dar­auf ein, kei­ne Kon­trol­le zu haben- und begnügt sich mit Ein­fluss. Die Arbeit mit der Bie­nen­lei­ne braucht eine spie­le­ri­sche Hal­tung.

Um los­zu­ge­hen benützt man Wor­te oder kör­per­sprach­li­che Hil­fe­stel­lun­gen. Es ist hilf­reich, auf den Weg zu schau­en und nicht den Blick auf den Hund zu rich­ten, was ihn einer­seits belas­ten wür­de und ande­rer­seits auch kei­ne Infor­ma­ti­on hat. Beim Wunsch los­zu­ge­hen hilft, das Gewicht lang­sam vom hin­te­ren auf das vor­de­re Bein zu ver­la­gern und auf den Hund zu war­ten. Vor­zu­ge­hen und den Hund zie­hen zu wol­len ist nicht der Sinn der Übung. Ein paar auf­mun­tern­de Wor­te kön­nen hel­fen, falls sich der Hund ver­hält.

Wählt der Hund, an sei­nem Men­schen zu kle­ben, zeit­wei­se sogar außen von die­sem zu gehen, ist das ganz in Ord­nung. Meist ist es eine Fra­ge der Zeit, dann balan­ciert er sich in der Mit­te aus. Um zu wen­den, bleibt der inne­re Mensch etwas zurück, rotiert in die neue Bewe­gungs­rich­tung, und ZIEHT NICHT am Seil. Der Mensch außen kann das Seil mit der inne­ren Hand von unten unter­stützt auf des Hun­des Schul­ter zufüh­ren, bis über des­sen Mit­tel­li­nie.

Deh­nen, begeg­nen, vor­wärts gehen und schmel­zen

Um anzu­hal­ten kann man ver­schie­de­ne Tech­ni­ken anwen­den. In jedem Fall ist es not­wen­dig, vor­ne am Hund zu sein, und falls man das nicht ist, mög­lichst geschickt dahin zu gelan­gen. Man kann das Seil in einer mög­lichst nicht geknick­ten Linie zwi­schen einem Men­schen und dem Ande­ren sanft nach außen deh­nen, dabei die Füße vor­wärts bewe­gen, und mit einer Vier­tel­dre­hung des Kör­pers den Druck wie­der weg­schmel­zen — wäh­rend der Hund anhält. Das Deh­nen zur Sei­te hilft den Men­schen der Ver­su­chung zu wider­ste­hen, nach hin­ten zu zie­hen, was den Hund nur aus der Balan­ce und in den Zug brin­gen wür­de. Es ist und bleibt kon­tra­pro­duk­tiv, nach hin­ten zu zie­hen, weil der Oppo­si­ti­ons­re­flex den Hund genau dahin treibt, sich in die Lei­ne zu hän­gen und sei­ne Balan­ce zu ver­lie­ren.

Die Tan­­dem-Wen­­dung

Einer der gro­ßen Vor­tei­le eines Kara­bi­ners mit Wir­bel ist, dass man, weil der Hund nach vor­ne stürmt, hoff­nungs­los hin­ter ihn gera­ten ist, ein­fach umdre­hen und in die ande­re Rich­tun gehen kann. Dabei dreht sich jeder der bei­den Part­ner ein­fach um sei­ne eige­ne Ach­se, wech­selt die Hän­de am Seil, eine*r spricht den Hund an und bei­de gehen in die neue Rich­tung, nun wie­der vor­ne am Hund, wei­ter.

Glei­ten und schrei­ten

Wenn auch die Bie­nen­lei­te an und für sich kei­ne fixe Ver­bin­dung zum Hund schafft, ist es den­noch hilf­reich, am Seil zu glei­ten mit den Hän­den, vor allem, wenn man mit einem star­ken Vor­­wärts-Drang zu tun hat. Eine Hand fasst unter der ande­ren am Seil vor und glei­tet wie­der zurück auf den eige­nen Kör­per zu. Wie­der­um blei­ben die Füße in Bewe­gung und ggfs. deu­tet man eine Vier­tel­dre­hung an, ein­mal, viel­leicht ein zwei­tes Mal, um dem Hund zu signa­li­sie­ren, dass ange­hal­ten wird. Dann löst man den Kon­takt weich, ent­spannt Seil und Schul­tern und steht mit Bewusst­heit.

Der Schmet­ter­ling

 

 

Foto: Leo­nie Hoch­rein

Der Schmet­ter­ling ist ein biss­chen anders und ein biss­chen gleich. Das glei­che 4–6m lan­ge Seil wird nun mit einem Ende zusätz­lich durch den Ring an der Vor­der­brust des Hun­de­ge­schirrs durch­ge­führt, bei­de Sei­len­den lan­den in den Hän­den einers der zwei Men­schen und wer­den da zusam­men gekno­tet. Das Seil ver­läuft nun kreis­för­mig von einem Men­schen durch den obe­ren Ring in die Hän­de des ande­ren Men­schen, durch den vor­de­ren Ring wie­der in die Hän­de des ers­ten Men­schen, und bil­det sozu­sa­gen zwei Schmet­ter­lings­flü­gel für den Hund.

Auch hier bleibt das Prin­zip des frei­en Glei­tens des Seils durch die Rin­ge bestehen. (Seil­di­cke und Ring­grö­ße müs­sen dies­be­züg­lch immer genug Spiel­raum geben) aber man hat durch die bei­den Sei­le mehr Ein­fluss. Das Seil an der Vor­der­brust kann auch hel­fen, wenn ein Hund sehr gewohn­heits­mä­ßig sei­ne Balan­ce nach vor­ne wirft sobald er eine Lei­ne an sich weiß. Der Schmet­ter­ling gibt dem Hund mehr Rah­men und ein biss­chen Auf­rich­tung. Den­noch ver­wen­de ich ihn immer lie­ber als zwei­te Lek­ti­on, wenn die Hun­de die grö­ße­re Frei­heit der Bie­nen­lei­ne erfah­ren haben.

Das Seil wird ent­we­der mit zwei Hän­den ange­fasst oder man fügt auf jeder Sei­te eine Schlau­fe ein, falls vor­han­den und führt mit einer Hand. Die Schlau­fe macht es uns leich­ter.

Das Glei­ten und Schrei­ten bleibt Tech­nik der Wahl, wenn ich den Hund ver­lang­sa­men oder anhal­ten möch­te. Ich glei­te am vor­de­ren Seil. Die Vier­tel­dre­hung im Vor­wärts­ge­hen bleibt gleich. Und die Kör­per­spra­che in der Wen­dung bleibt gleich: Der äuße­re Mensch geht vor, der inne­re Mensch bleibt hin­ten, rotiert und blickt in Bewe­gungs­rich­tung.

Die Hand­ha­bung des Seils in der Wen­dung bleibt ähn­lich wie bei der Bie­nen­lei­ne, falls ich viel Seil­län­ge habe: die äuße­re Hand fasst das Seil oder die Schlau­fe an, die inne­re Hand glei­tet unter die Sei­le (ohne sich drum zu schlie­ßen!) und bewegt sich auf die Schul­ter des Hun­des zu, um die Wen­dung anzu­deu­ten. Habe ich wenig Seil­län­ge und eine Schlau­fe, so füh­re ich die Schlau­fe in der inne­ren Hand und füh­re die äuße­re Hand vor, um die Wen­dung anzu­zei­gen.

Der hal­be Schmet­ter­ling

Geni­al ist die Führ­po­si­ti­on des hal­ben Schmet­ter­ling, wenn ich mich allei­ne mit einem gro­ßen, stark zie­hen­den Hund im Lern­par­cours fin­de. Man kann sich den hal­ben Schmet­ter­ling vor­stel­len, wie den Schmet­ter­ling, der nur noch einen Men­schen hat. Ich zie­he die Seil­län­ge, die der zwei­te Mensch in der Hand hät­te, ganz auf mei­ne Sei­te durch und damit legt sich das Seil weich an die äuße­re Schul­ter des Hun­des. Nun habe ich eine ähn­li­che Wir­kung wie zwi­schen einer Balan­ce­lei­ne, einer Libel­le (sie­he unten), einem Schmet­ter­ling und einer Zwei­punkt­füh­rung kom­bi­niert mit dem Vor­teil, dass ich viel Seil­län­ge zur Ver­fü­gung habe, um dem Hund einer­seits Raum zu geben, um ande­rer­seits in Wen­dun­gen mit Glei­ten und Schrei­ten wie­der an sei­ne Sei­te zu kom­men ohne in Zug zu gera­ten. Ein biss­chen Geschick im Umgang mit lan­gen Sei­len und gutes Kör­per­be­wusst­sein für die eige­ne Balan­ce ist hilf­reich.

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